Am Anfang steht ein eindringlicher Sound – bedrohlich, dramatisch, unheimlich. Abstrakte malerische Bilder, Experimente der Analogfotografie, rufen Assoziationen vom Weltraum, von Zellen, Organismen und Traumsequenzen hervor. Es folgt die Titeleinblendung, Fotos von Familien und einzelne Portraits. Begleitet werden diese Bilder von Kanonenschüssen, Meeresrauschen, Klaviermusik oder französischen Chansons. Und, aus dem Off, schwebt über alledem die ruhige und zuweilen unbeteiligt wirkende Stimme der Künstlerin Alisa Berger. Rätselhaft und atmosphärisch eröffnet sich die vornehmlich aus Standbildern bestehende Found-Footage-Videoinstallation “THREE BORDERS“, 2017, den Betrachtern. Das Video entstand als Teil der vom Goethe-Institut Moskau initiierten Wanderausstellung „Die Grenze“, 2017–2018. Die verwendeten Fotos stammen überwiegend aus dem familiären Bild- und Videoarchiv der Künstlerin mit abfotografierten Malereien der Eltern; teils sind es jedoch auch gefundene Fotografien anonymer Menschen. Persönliche Erinnerungen dienen als identitätsstiftendes Moment, wobei Identität hier als Konstrukt aus Grenzen verstanden wird, die über die Generationen hinweg an Kontur verlieren. Für die Künstlerin existieren „[…] nur drei Grenzen, welche überquert werden müssen von der angstvollen und mutigen Seele des Menschen: die Grenze der Geburt, die Grenze der Liebe, die Grenze des Todes.“ (A. Berger, THREE BORDERS, 2017) In zehn Geschichten erzählt Berger anekdotisch und über Generationen hinweg von subjektiven wie intimen Erinnerungen. Das Erzählte wird durch die eingeblendeten Fotos visualisiert und dabei bildhaft und symbolisch unterstützt. Sprache, Schrift, Standbilder und Sound sind in ständiger Interaktion und verdichten sich zu persönlichen Geschichten, in denen Heimat, Migration und kulturelle Entwurzelung thematisiert werden. Ihnen haftet etwas Spekulatives an, was eng mit Alisa Bergers Neigung zum Rätselhaften, Mythischen und Surrealen verbunden ist.


Ihre Arbeiten haben zuweilen einen zyklischen Charakter. Dies resultiert jedoch aus keinem vorgefertigten Konzept, sondern entstammt vielmehr wiederkehrenden Themenfeldern, die das Schaffen der Künstlerin durchziehen. Häufig offenbaren sich die Thematiken erst im Arbeitsprozess, da Berger sich dem Stoff erst nach und nach durch Experimentieren annähert. Insofern können ihre Arbeiten thematisch aufeinander aufbauen oder sich aufeinander beziehen. So bedient sich “THREE BORDERS“ einer zum Teil kindlich-naiven, fabulierenden Erzählweise aus dem Off, die Alisa Berger schon 2014 im experimentellen Kurzfilm „Island Story“ gebrauchte. In dem Super-8-Schmalfilmformat fügen sich aneinander gereihte Impressionen von mediterranen Meerlandschaften und nächtliche Mondaufnahmen zu einer märchenhaften Erzählung, die in traumähnlichen Sequenzen vom Verlust der Sprache und dem stellvertretenden Ausdruck im Körperlichen erzählt. Spielerisch zieht sich das Enigmatische wie ein roter Faden durch das Œuvre der Künstlerin.


Mediale Grenzen gibt es in Alisa Bergers Schaffen nicht. Die Bezeichnung „Medienkünstlerin“ beschreibt daher nur unzureichend ihr reichhaltiges Repertoire, dass sich in den Bereichen Experimentalfilm, Videoinstallation, Expanded Cinema Projekte und audiovisueller Performance bewegt. Seit 2011 arbeitet sie mit der Künstlerin Lena Ditte Nissen im Duo „bergernissen“ zusammen. Ihre gemeinsamen experimentellen Projekte in den Bereichen Performance und „Travelling Cinema“ entstehen häufig parallel zu ihrem individuellen Schaffen und korrelieren mit den eigenen Arbeiten. In den gemeinsamen Performances und Happenings bewegen sich die Betrachter in simulierten oder manipulativen Situationen. Sie können sich der Interaktion mit den Künstlerinnen nur schwer entziehen oder sich von ihnen distanzieren. Den menschlichen Körper ins Zentrum zu stellen und ihn als Ausgangspunkt sowie Ausdruck von Empfindungen und Kommunikation zu begreifen, ist ihr ein Anliegen.


Diesem Thema widmete sich Alisa Berger eingehend während ihres DAAD-Stipendiums in Japan. Dort studierte sie das japanische Tanztheater Butoh, wobei sie sich vor allem mit den Lehren Tatsumi Hijikatas und Kazuo Ohnos beschäftigte. In einer Reihe von Video-Portraits versucht sie den sensiblen und performativen Moment von Butoh in der Bewegung einzufangen, um den Ausdruck von Affektion und Anonymität des Körpers festzuhalten.


(c) Nicola Groß 2018 / Bonner Kunstverein